Ambient 03 - Ambient by Womack Jack

Ambient 03 - Ambient by Womack Jack

Author:Womack, Jack [Jack, Womack]
Language: deu
Format: epub
Publisher: WILHELM HEYNE VERLAG
Published: 1990-11-03T16:00:00+00:00


KINDER

LASST DIE FINGER VON IHNEN

Von unten drang vernehmliches Summen herauf, unterbrochen von dumpf aufschlagenden Geräuschen; es hörte sich an, als ob sie sich mit elektrischen Schafscheren die Gliedmaßen abschnitten. Gräßliche Schreie ließen mich aufmerken. Ich stand auf und schaute zum Fenster hinaus, um den Ausgang zu sehen; Samstagabend war der Andrang gewöhnlich groß. Dutzende von Ambienten standen vor dem Club Schlange. Der Abendnebel war leicht. Auf der anderen Straßenseite parkte ein dunkler Wagen. Die blaßpurpurne Instrumentenbeleuchtung vom Armaturenbrett erhellte die Schatten im Innern. Ich war ziemlich sicher, daß der Wagen ein Redstar war. Rasch lief ich zu einem anderen Fenster und schaltete unterwegs den Fernseher aus; aus meinem neuen Blickwinkel sah ich, daß die Nummernschilder 1A waren. Es war acht Uhr vorbei; um diese Stunde hielt man auch ohne solche Eingebung den Knüppel bereit.

»Avalon?« sagte ich durch die Tür und das Rauschen des Wassers.

»Ja?«

»Ich glaube, wir sind unter Beobachtung.«

»Ist jemand draußen?« Sie drehte das Wasser ab.

»Ja. Ich schalte das Licht aus.«

»Sind die Vorhänge nicht zugezogen?«

»Jetzt, ja«, sagte ich und zog die Zeitungen vor das Fenster; es könnte sie noch mißtrauischer machen, wenn es in der Wohnung dunkel würde, dachte ich.

»Warum sind sie nicht heraufgekommen, wenn sie hinter uns her sind?«

»Vielleicht warten sie.«

»Warten worauf?«

»Es ist Terror«, sagte ich. »Sie versuchen uns Angst einzujagen, glaube ich.«

»Hört sich an, als machten sie ihre Sache gut. Wenn sie es auf uns abgesehen hätten, würden sie dann nicht schon hier oben sein?«

»Bei Nacht würden sie hier nicht weit kommen; das wissen sie.«

»Du meinst, sie trauen sich nicht über die Straße?«

»Sie werden bis zum Morgen warten«, sagte ich.

»Wen opfern sie da unten?« fragte Avalon. Da das Wasser nicht lief, war es leicht, den Aufruhr im Loch zu hören.

»Freiwillige.« Ich bog eine Ecke des Papiers zurück und spähte wieder hinaus. Sie saßen in ihrem Wagen.

»Hast du mit deiner Schwester je über mich gesprochen?«

»Ja.«

»Was denkt sie von mir?«

»Sie neigt zu voreiligem Urteilen.« Besser, ich wartete damit, bis wir im Bett waren, oder vielleicht nicht.

»Ist sie älter als du?«

»Vier Jahre.«

»Wie sieht sie eigentlich aus?«

»Sie hat Stil«, sagte ich. »Aber sie ist linksherum. Hat eine Geliebte.«

»Was für eine ist ihre Geliebte?«

»Altklug«, sagte ich.

Avalon öffnete die Badezimmertür und kam heraus; sie war nackt. Einen Augenblick lang stand sie in der Türöffnung, ein Schattenriß vor dem Licht, und dampfte wie frisch gebacken.

»Wenn ich naß bin, kann ich meine Jeans nicht anziehen«, sagte sie und kam näher. »Nicht, daß du nie gesehen hättest, was ich habe. Nicht, daß du es nicht zu sehen bekommen würdest. Macht es dir was aus?«

»Ah – nein«, sagte ich, sie anstarrend.

»Immer noch draußen?« fragte sie, bückte sich und spähte unter der Zeitung durch.

»Natürlich.«

Sie richtete sich auf, kam zu mir und schlang die Arme um meine Mitte. »Was soll aus uns werden, Schami?«

Ihre Haut erfreute meine Hände, als ich sie tätschelte. Sie war weich wie Nebel, und ich fürchtete irgendwie, daß sie verschwinden könnte, wenn ich nicht hinschaute.

»Etwas.«

»Was meinst du, sind sie lebendig oder tot?«

»Keine Ahnung. Wie es auch ausgegangen ist, ich glaube, jemand will mit uns darüber reden.«

»Meinst du, daß es gutgehen wird?«

»Vielleicht.



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